Aktuell sind in den Kliniken insbesondere drei Besorgnis erregende Entwicklungen zu beobachten:
| 1. | eine rapide Zunahme der MRSA-Häufigkeit
Abb. 2: Entwicklung der Methicillin-Resistenz in deutschen
Krankenhäusern (nach Daten der Paul-Ehrlich-Gesellschaft)
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Innerhalb des 10 Jahreszeitraums von 1990 bis 2001 stieg die Rate
der MRSA in deutschen Kliniken laut der Erhebungen der Paul-Ehrlich-Gesellschaft
von 2 % auf mehr als 20 % um mehr als das Zehnfache an (Abbildung 2). Dies
führt zu einem zunehmenden Gebrauch von Vancomycin, Linezolid und Streptograminen.
| 2. | Eine steigende Anzahl von gramnegativen Bakterien
mit breiter Betalaktamase-Resistenz
Abb. 3: Entwicklung der Resistenz gegen Betalaktame (Amoxicillin-Clavulansäure,
Ceftazidim, Piperacillin-Tazobactam) und Fluorchinolone (Ciprofloxacin) bei
Enterobacter cloacae (nach Angaben der Paul-Ehrlich-Gesellschaft)
Abb. 4: Entwicklung der Resistenz gegen Fluorchinolone
(Ciprofloxacin), und Betalaktame (Ampicillin, Amoxicillin-Clavulansäure)
bei Escherichia coli (nach Daten der Paul-Ehrlich-Gesellschaft).
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Bei gramnegativen Keimen ist in den letzten 15 Jahren eine generelle
Zunahme gegen alle Antibiotika nachzuweisen. Insbesondere sind hier zu nennen
die Fluorchinolon-Resistenz bei Escherichia coli als Folge des Gebrauchs insbesondere
bei niedergelassenen Ärzten und eine generelle Zunahme der Betalaktam-Antibiotika-Resistenz.
Bei Klebsiella spp. und in geringerer Zahl auch bei anderen Enterobakteriaceae
finden sich zunehmend Betalaktamasen mit erweitertem Wirkspektrum. Bei diesem
auch als ESBL bezeichneten Resistenzmuster sind alle Betalaktam-Antibiotika
mit Ausnahme der Carbapeneme nicht mehr wirksam.
| 3. | Eine Zunahme der Resistenz bei Pseudomonaden
Abb. 5: Resistenz-Entwicklung von Carbapenemen (Meropenem),
Fluorchinolonen (Ciprofloxacin) und Betalaktamen (Ceftazidim, Piperacillin-Tazobactam)
bei Pseudomonas aeruginosa.
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Pseudomonaden und verwandte Bakterien stellen ein besonderes Problem
bei der Bildung von Antibiotikaresistenzen dar. In den letzten Jahren wird
ein deutlicher Anstieg gegen alle bisher wirksamen Antibiotika mit Ausnahme
von Meropenem sichtbar.
Die Gründe für diese Resistenzentwicklung sind vielfältig.
Die lange geübte, legale und illegale Nutzung von Antibiotika in der
Tierernährung scheinen für manche Antibiotika (u.a. Vancomycin)
ein Hauptgrund für die Zunahme der Resistenzen zu sein. Auch der unkritische
Einsatz von Antibiotika insbesondere in Entwicklungsländern (Verkauf
ohne Rezepte) scheint zur erhöhten Antibiotikaresistenz in diesen Ländern
beizutragen. Auch in den industrialisierten Ländern und hier allen voran
in den USA werden Antibiotika und insbesondere Breitspektrum-Antibiotika häufig
allzu unkritisch und in falscher Indikation, Dosierung und/oder Therapiedauer
eingesetzt. Daraus resultiert u.a. der starke Anstieg des Anteils Vancomycin-resistenter
Enterokokken in den USA (Abbildung 6).
Abb. 6: Entwicklung des Anteils (%) der Vancomycin-resistenten
Enterokokken in den USA und in Europa
Die Weltgesundheitsorganisation fordert zur Eindämmung von
Antibiotikaresistenzen den möglichst gezielten Einsatz von Antibiotika
mit einem möglichst engen Wirkspektrum. Dies setzt Kenntnisse der lokalen
Antibiotikaresistenz-Situation voraus. Antibiotische Resistenzbestimmungen
stellen allerdings einen Kostenfaktor dar, der zunehmend eingespart wird.
Dadurch kommen vermehrt Antibiotika mit breitem Spektrum zum Einsatz, die
wiederum die Resistenzbildung fördern können. So führt der
zunehmende Kostendruck in unserem Gesundheitssystem zunehmend zur Entwicklung
höherer Resistenzraten durch den ungezielten Einsatz von Antibiotika.
Nur der gezielte Einsatz von Antibiotika mit engem Spektrum ggf. nach Deeskalierung
der antibiotischen Therapie Eine Behandlung. kann die weitere Zunahme von Resistenzen verzögern.
Ganz gestoppt kann diese Entwicklung der Resistenzbildung nicht. Allerdings
lassen sich durch den gezielteren Einsatz von Antibiotika diese Entwicklungen
verlangsamen und in gewissem Maße steuern. Daneben zeigen Beispiele
in Kliniken, dass durch den gezielten Einsatz von Antibiotika und ein entsprechendes
infektiologisches Management die Kosten für Antibiotika und auch für
Aufenthaltstage der Patienten drastisch gesenkt werden können.
Antibiotika zählen zu den wichtigsten und effektivsten Medikamenten
die wir besitzen. Erst durch sie wurden moderne medizinische Maßnahmen
(Intensivmedizin, Transplantationsmedizin) überhaupt möglich. Insbesondere
haben seit der breiten Einführung des Penicillins in den fünfziger
Jahren des 20. Jahrhunderts viele Infektionskrankheiten ihren Schrecken verloren.
So wurde von verschiedenen Experten (u.a. auch der WHO) Mitte der sechziger
Jahre schon verkündet, das Problem der Infektionskrankheiten auf unserer
Erde sei gelöst. Die schon frühzeitig einsetzenden und erkennbaren
Resistenzentwicklungen wurden zum damaligen Zeitpunkt noch nicht ernst genommen.
Dabei zeigte sich, dass sich meist 5 bis 10 Jahre nach einer breiten
klinischen Einführung eines Antibiotikums klinisch relevante Resistenzen
gegen das Antibiotikum entwickelten (Abb. 1).
Abb. 1: Klinische Einführung wichtiger Antibiotikaklassen
und Auftreten klinisch relevanter Antibiotikaresistenzen gegen die jeweilige
Antibiotikaklasse
In diesem Zusammenhang wird oft auch von so genannten „antibiotischen
Krisen“ gesprochen. Darunter versteht man eine dramatische Zunahme von
Resistenzen, sodass der therapeutische Einsatz deutlich gefährdet war.
Eine erste solche Krise entwickelte sich seit Ende der sechziger Jahre als
sich zunehmend grampositive Keime (Staphylokokken) gegen Penicillin resistent
zeigten. Dies führte schlussendlich zur Entwicklung und Einführung
der Isoxazolylpenicilline, die Penicillinase-resistent sind und diesen Resistenzmechanismus
insbesondere der Staphylokokken überwinden konnten. Durch den großflächigen
Einsatz dieser auch als „Staphylokokken-Penicilline“ bezeichneten
Gruppe bildeten sich ebenfalls Resistenzen, die so genannten Methicillin-resistenten
Staphylokokken (MRSA). Die MRSA bilden heute eines der größten
mikrobiologischen Probleme in der Klinik überhaupt.
Der massive und teilweise auch insbesondere in den USA unkritische
Einsatz des viele Jahre einzig gegen MRSA wirksamen Antibiotikums Vancomycin führte
schlussendlich zum Entstehen von Vancomycin-resistenten Enterokokken (sog.
VRE) und von Vancomycin-intermediär wirksamen Staphylokokken (sog. VISA,
GISA). Diese Stämme treten bisher überwiegend vereinzelt auf, meist
nach unsachgemäßer Langzeittherapie mit Vancomycin, wie z.B. bei
Dialysepatienten. Es deutet sich hiermit allerdings schon eine weitere „Krise“
der antibiotischen Therapie Eine Behandlung. an. Entsprechende Entwicklungen lassen sich u.a.
auch für Aminopenicilline, für Cephalosporine (u.a. extended-spectrum
Betalaktamasen, ESBL) und selbst für Carbapeneme (bei Pseudomonas aeruginosa)
nachweisen. Eine Auflistung der bisher beobachteten „Krisen“ der
antibiotischen Therapie sind in Tabelle 1 aufgelistet:
Zeitraum | Resistenz-Krise
| Krisen-Aktionen
|
|---|
1970er | Erste Krise für Grampositive (Penicillin
G-Resistenz) | Verbreitung von Betalaktamase-resistenten Penicillinen
und Cephalosporinen | 1980er | Zweite Krise für Gramnegative
(Aminopenicillin-Resistenz) | Verbreitung von Betalaktamase-Inhibitoren
und Cephalosporinen der 2./3. Generation | 1990er
| Dritte
Krise für Grampositive (Methicillin-Resistenz) | Zunehmender Einsatz
von Glykopeptiden (Vancomycin) | 1990er |
Vierte Krise
für Gramnegative (ESBL-Bildner) | zunehmender Einsatz von Carbapenemen
| |
2000er | Fünfte Krise für Grampositive (erste Glykopeptid-Resistenzen
VISA, GISA) |
Oxazolidinone (?) | 2000er |
Sechste
Krise für Gramnegative (zunehmende Ausbreitung von Carbapenemasen) (?)
| (?)
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Tab. 1: „Antibiotische Krisen“ und nachfolgende
Antibiotikaentwicklungen
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