|
In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurden die Infektionskrankheiten von verschiedenen „Experten“ für besiegt erklärt. Diese Ansicht war insbesondere den schnellen Erfolgen der antibakteriellen Therapie Eine Behandlung. nach Einführung des Penizillins und weiterer Antibiotika (u.a. Aminoglykoside, Tetrazykline) in den vorangehenden Jahren zu verdanken. Diese Ansicht hielt allerdings nicht sehr lange an. Spätestens mit dem Auftreten der ersten Penizillin-resistenten Staphylokokken kehrte eine gewisse Ernüchterung ein. Seit den Anfängen der antibiotischen Therapie von Infektionen ist damit die Ausbildung von Antibiotikaresistenzen eines der größten Hindernisse im Einsatz dieser Therapie.
Antibiotika stellen eine der wenigen Medikamentengruppen dar, die nicht nur durch die Therapie von Symptomen wirken, während dessen die eigentliche Ursache nicht beseitigt wird. Antibiotika wirken durch Beseitigung der Ursache der Symptome – nämlich des die Infektion verursachenden Erregers.
In der medizinischen Ausbildung werden Infektionskrankheiten und deren Therapie immer noch eher stiefmütterlich behandelt. Der Medizinstudent muss zwar molekulare Strukturen und Wirkmechanismen lernen, er lernt allerdings wenig im Studium über den gezielten Einsatz von Antibiotika. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert zunehmend die Entwicklung neuer Antibiotika mit engem Wirkspektrum für die Therapie von Infektionen. Die Realität zeigt jedoch eine andere Entwicklung. Aus ökonomischen Gründen werden vorzugsweise Antibiotika mit breitem Spektrum entwickelt, da diese auch sehr breit und damit gewinnbringend eingesetzt werden können. Auch in Klinik und Praxis ist eine deutliche Tendenz zu erkennen, zunehmend breit wirksame Antibiotika einzusetzen. Breit wirkende Antibiotika begünstigen eindeutig die Entstehung resistenter Keime. Studien in verschiedenen Ländern zeigen allerdings eindeutig, dass sich die Verordnung von Antibiotika deutlich auf die Entstehung und Häufigkeit von Resistenzen auswirkt. Die Daueranwendung bestimmter Antibiotika führt weiterhin zu einer Selektion bestimmter Bakterienarten mit besonderen Resistenzproblemen. Weiterhin zeigt sich, dass der gezielt gegen die lokal auftretenden Erreger gerichtete Antibiotikaeinsatz einen signifikant positiven Effekt auf die Infektionsrate und das Auftreten von Resistenzen aufweist.
Der gezielte Einsatz von Antibiotika setzt eine Reihe von Kenntnissen voraus. Nicht nur der verursachende Erreger spielt hierbei eine Rolle. Einzelne Erregerstämme können unterschiedliche Antibiotikaresistenzen aufweisen, die den Einsatz eines Antibiotikums im speziellen Einzelfall sinnvoll oder sinnlos werden lassen. Von Seiten des Patienten ist die Lokalisation im Körper von entscheidender Bedeutung, da viele Antibiotika nur in bestimmte Organe und Gewebe in ausreichender Menge diffundieren und so ausreichende Wirkkonzentrationen erreichen. Der Metabolismus des Antibiotikums und die damit in Zusammenhang stehende Ausscheidung sind wichtige Parameter der Kinetik eines Antibiotikums im Körper, die seine Wirksamkeit und insbesondere seine Toxizität mit bestimmen.
Grunderkrankungen oder Grundzustände können eine besondere Rolle auf die Wirksamkeit von Antibiotika ausüben. Bestimmte Grunderkrankungen stellen Kontraindikationen für einzelne Antibiotika dar. Grundmedikationen können Wechselwirkungen mit Antibiotika aufweisen und so deren Wirksamkeit abschwächen oder deren Toxizität und/oder die des Antibiotikums erhöhen.
Umfassende Darstellungen dieser für den Arzt am Krankenbett praktischen Aspekte der Antibiotikatherapie fehlen bisher. Viele dieser Informationen müssen aus verschiedenen Standardwerken mühsam zusammengesucht werden. Im vorliegenden Werk sollen alle für die Therapieentscheidung und deren Durchführung wichtigen Aspekte daher erstmalig zusammengefasst dargestellt werden. Dabei wurde ganz bewusst auf Grundlagenwissen verzichtet.
Durch die gezielte Auswahl von Antibiotika und deren Präparate lassen sich im Zeitalter von DRG’s auch in der Antibiotikatherapie Kosten einsparen. Die Nennung aller verfügbaren Präparate des jeweiligen Antibiotikums und der entsprechende Preisvergleich auf Tagesdosis und für die empfohlene Gesamtdauer der Therapie macht das Werk auch für Mitglieder von Arzneimittelkommissionen und Krankenhausverwaltungen für die Auswahl der verwendeten Antibiotika und deren Einkauf interessant.
Aktuelle Studien von Gesundheitsökonomen zeigen, dass rund 3 % aller Todesfälle auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurückzuführen sein dürften. Eine Studie in den USA zeigte, dass im Rahmen von Visiten auf Intensivstationen durch Infektiologen rund 70 % der angesetzten Antibiotikatherapien verändert wurden. Das vorliegende Werk möge dazu beitragen, dass Antibiotika gezielter, wirksamer und ökonomischer zum Nutzen der behandelten Patienten, zur Verringerung von Resistenzentwicklungen verschiedener Keime und nicht zuletzt zum ökonomischen Nutzen des Einrichtung eingesetzt werden.
München im April 2005
Dr. Gerhard Dobler
|